Die Trägerin des Kulturpreises 2017 der Stadt Landshut, Mirjam Pressler, spricht über die Tücken des Übersetzens

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Die Trägerin des Kulturpreises 2017 der Stadt Landshut, Mirjam Pressler

Die Trägerin des Kulturpreises 2017 der Stadt Landshut, Mirjam Pressler

Übersetzen, erklärt Frau Dr. Pressler in ihrem Vortrag den Schülerinnen und Schülern der Fremdsprachenschule, sei ein einsames Geschäft, man arbeite im Hintergrund und werde selten gelobt. Nicht so jedoch Mirjam Pressler, die bereits eine stattliche Anzahl an Preisen und Auszeichnungen für ihr schriftstellerisches und übersetzerisches Werk gewonnen hat, darunter der Internationale Literaturpreis, verliehen auf der Leipziger Buchmesse 2015, der Bayerische Verdienstorden und der Literaturpreis der Stadt München 2017.

Eine ganze Reihe erfolgreicher Kinder- und Jugendbücher hat sie verfasst, von „Bitterschokolade“ und „Novemberkatzen“ bis „Nathan und seine Kinder“ und den nahezu programmatischen Titel „Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen“.

Der Antrieb ihres Schreibens ist die Erkenntnis, „…dass der Wille zu leben glücklicherweise meist stärker ist als alles, was Menschen sich gegenseitig antun. Mich interessiert die Frage, wie Identität unter widrigen Bedingungen entstehen und wachsen kann.“

Aber zurück zum Übersetzen. Eine große funktionelle Herausforderung sei die Tatsache, dass ein Übersetzer „mindestens drei Arbeitgeber“ hat, nämlich den Autor und sein Buch, den Verleger und nicht zuletzt den Leser, alle drei nicht einfach zufriedenzustellen. Und dann sind da noch die Wörter! „Beim Übersetzen literarischer Texte geht es aber nicht nur um die bloße Benennung, um das korrekte Wort, sondern um die Stimmung, die Atmosphäre und den Sprachduktus eines Buchs.“ Eine wichtige Rolle spiele dabei auch das Lektorat – wenn es eine gute Lektorin oder ein guter Lektor ist, so werden sie den Translator auf Wörter hinweisen, die nicht ganz zum Stil passen und so den Lesefluss stören. Und damit sind wir bei dem Leser, der den Text authentisch und möglichst nahe am Original genießen können soll. Und damit sind wir bei dem dritten „Arbeitgeber“ angelangt, der zufriedengestellt sein will.

Aus sogenannten „Nahsprachen“ zu übersetzen (wie zum Beispiel dem Englischen oder Niederländischen) scheint dabei einfacher zu sein, weil es häufig Ähnlichkeiten in der Wortwahl und der Syntax gibt. Gleichzeitig ist die Gefahr groß, dass sich unsinnige 1:1-Übersetzungen einschleifen wie zum Beispiel „that makes sense“ ≠ „das macht Sinn“ statt „das ist sinnvoll / vernünftig“ oder „he loves fishing“ ≠ „er liebt es zu fischen“ statt „er fischt sehr gerne“ genau so wie „that means the world to me“ ≠ das bedeutet die Welt für mich -> das bedeutet mir sehr viel oder schließlich „how do you feel“  ≠ wie fühlst du dich –> wie geht es dir.

Jeder Übersetzer kennt das Dilemma, dass eine Übersetzung entweder „(text)treu aber häßlich oder „belle et infidèle“ – schön und (zu) frei ist. Andererseits muss der Übersetzer auch immer in der Lage sein, Dinge, Gewohnheiten oder Ausdrucksweisen einer fremden Kultur dem heimischen Leser verständlich zu vermitteln. Dr. Pressler nennt als Beispiel die Wüste, von der deutsche Leser eine ganz andere Vorstellung haben als Menschen, die in oder mit einer Wüste leben.

Um eine Schwierigkeit ganz eigener Art handelt es sich, wenn Wörter im Deutschen ein anderes Genus besitzen als in der Herkunftssprache. So heißt es im Deutschen zum Beispiel „der Mond“, „die Sonne“ oder „der Tod“ mit entsprechenden Assoziationen – wie zum Beispiel dem „Sensenmann“ als bildliche Darstellung des Todes, während in den romanischen Sprachen der Mond weiblich, die Sonne männlich und der Tod wiederum weiblich ist und daher oft als eine Art todbringender femme fatale dargestellt wurde.

Allseits bekannt ist die Schwierigkeit, die englische Anrede „you“ ins Deutsche zu übersetzen, wo wir fein zwischen dem Dutzen und dem Siezen unterscheiden.

Das Übersetzen, stellt Mirjam Pressler fest, ermöglichst es uns, die Welt kennenzulernen, gibt uns Informationen über andere Länder und macht uns mit Werten und Normen anderer Kulturen bekannt. Bücher erschließen uns neue Horizonte und inspirieren uns.

„Wie arm wäre unsere Literatur, wenn wir nicht durch Übersetzungen fremde Farbigkeiten und fremde Ideen kennenlernen könnten! Wie arm wären wir, wenn wir uns mit dem Deutschtum und den in deutscher Sprache geschriebenen Büchern begnügen müssten! (Und wie arm wären umgekehrt auch andere Kulturen, wenn sie auf deutsche Bücher verzichten müssten!)

Meiner Meinung nach ist die Literatur eines der wenigen Gebiete, auf dem der vielbeschworene multikulturelle Austausch wirklich gedeiht. Dafür bin ich als Übersetzerin und vor allem als Leserin immer wieder dankbar.“

Herzlichen Dank Mirjam Pressler für Ihren Besuch und für Ihre aufschlussreichen Ausführungen!